Heinrich Heine

»Den höchsten Begriff vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben ... Er besaß jene göttliche Bosheit, ohne die ich mir das Vollkommene nicht zu denken vermag ... Man wird einmal sagen, daß Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind ...«
Friedrich Nietzsche




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Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl* und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch*,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch1 -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt -
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie die Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nun gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder* den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!


1 der Fluch, die Flüche 'la maledicció'






Die Heimkehr

VIII

àudio SCHUBERT

Du schönes Fischermädchen,
Treibe den Kahn ans Land;
Komm zu mir und setz dich nieder,
Wir kosen Hand in Hand.

Leg an mein Herz dein Köpfchen,
Und fürchte dich nicht zu sehr,
Vertraust du dich doch sorglos
Täglich dem wilden Meer.

Mein Herz gleicht ganz dem Meere,
Hat Sturm und Ebb und Flut,
Und manche schöne Perle
In seiner Tiefe ruht.






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Die Nordsee - Erster Zyklus

Erklärung

Herangedämmert kam der Abend,
Wilder toste die Flut,
Und ich saß am Strand, und schaute zu
Dem weißen Tanz der Wellen,
Und meine Brust schwoll auf wie das Meer,
Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh
Nach dir, du holdes Bild,
Das überall mich umschwebt,
Und überall mich ruft,
Überall, überall,
Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers,
Und im Seufzen der eigenen Brust.

Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand:
»Agnes, ich liebe dich!«
Doch böse Wellen ergossen sich
Über das süße Bekenntnis,
Und löschten es aus.

Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand,
Zerfließende Wellen, euch trau ich nicht mehr!
Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder,
Und mit starker Hand, aus Norwegs Wäldern,
Reiß ich die höchste Tanne,
Und tauche sie ein
In des Ätnas glühenden Schlund, und mit solcher
Feuergetränkten Riesenfeder
Schreib ich an die dunkle Himmelsdecke:
»Agnes, ich liebe dich!«

Jedwede Nacht lodert alsdann
Dort oben die ewige Flammenschrift,
Und alle nachwachsende Enkelgeschlechter
Lesen jauchzend die Himmelsworte:
»Agnes, ich liebe dich!«

Déclaration

Le soir arriva, tinté d'une crépusculaire lueur,
La marée déferla avec encore plus de fureur,
Et, assis sur la plage, je regardai
Les vagues blanches qui dansaient,
Et, comme la mer, ma poitrine se gonfla,
Et une ardente nostalgie s'empara de moi,
Ce désir de revoir ton gracieux visage,
Qui plane partout dans mes parages,
Et qui m'appelle en tous lieux,
En tous lieux, en tous lieux,
Dans le sifflement du vent, le mugissement de la mer,
En dans le soupir de mon propre intérieur.

Sur le sable, avec un faible roseau, j'écrivis:
" Je t'aime, mon Agnès chérie! "
Mais de méchantes vagues se déversèrent
Sur ce tendre aveux,
et l'effacèrent.

Ô roseau qui se brise, ô sable qui s'effrite,
Ô vagues qui fondent, ma confiance, à jamais vous quitte!
Et le ciel s'assombrit, la fureur de mon cœur devient plus violente,
Et, des forêts de Norvège, avec ma main puissante,
J'arrache le plus haut des sapins,
Et je l'enfonce bien
Dans la gorge de l'Etna, ardente et béante,
Et avec une telle plume de feu géante
J'écris sur la voûte céleste assombrie:
" Je t'aime, Agnès chérie! "

Depuis lors, chaque nuit flamboie dans le ciel,
Là-haut, cette écriture de flammes éternelle,
Et toutes les générations d'anges, à l'avenir,
Jubilant, pourront dans le ciel lire
Les mots: " Je t'aime, Agnès chérie! "

tr. Joseph Massaad      






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Die Nordsee - Zweiter Zyklus

Fragen

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer
Steht ein Jüngling-Mann,
Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel,
Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen:

»O löst mir das Rätsel des Lebens,
Das qualvoll uralte Rätsel,
Worüber schon manche Häupter gegrübelt,
Häupter in Hieroglyphenmützen,
Häupter in Turban und schwarzem Barett,
Perückenhäupter und tausend andre
Arme, schwitzende Menschenhäupter -
Sagt mir, was bedeutet der Mensch?
Woher ist er kommen? Wo geht er hin?
Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?«

Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel,
Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken,
Es blinken die Sterne, gleichgültig und kalt,
Und ein Narr wartet auf Antwort.

Questions

En bord de mer, de mer déserte, la nuit,
Un jeune homme se tient dans l'ombre,
L'âme remplie de doutes, le cœur de mélancolie,
Il interroge l'onde de ses lèvres sombres:

«Expliquez-moi l'énigme de la vie,
La toute vieille et douloureuse énigme,
Sur laquelle tant de têtes ont tourné au gris,
Des têtes à bonnets avec des signes d’hiéroglyphes,
Des barrettes noires, des perruques en couleurs,
Des têtes avec des turbans de califes,
Et des milliers de pauvres têtes baignées de sueur.
Dites-moi, quel est le sens d l'humanité?
D'où vient l'homme ? Où va l'homme?
Qui habite là-haut, dans les étoiles dorées? »

Les vagues murmurent, éternelles et monotones,
Le vent souffle, les nuages fuient,
Indifférentes et froides, les étoiles scintillent,
Et un fou attend une réponse...

tr. Joseph Massaad      






Nachgelesene Gedichte 1812 - 1827

àudio, cantat

Die Liebe begann im Monat März,
Wo mir erkrankte Sinn und Herz.
Doch als der Mai, der grüne, kam:
Ein Ende all mein Trauern nahm.

Es war am Nachmittag um Drei
Wohl auf der Moosbank der Einsiedelei,
Die hinter der Linde liegt versteckt,
Da hab ich ihr mein Herz entdeckt.

Die Blumen dufteten. Im Baum
Die Nachtigall sang, doch hörten wir kaum
Ein einziges Wort von ihrem Gesinge,
Wir hatten zu reden viel wichtige Dinge.

Wir schwuren uns Treue bis in den Tod.
Die Stunden schwanden, das Abendrot
Erlosch. Doch saßen wir lange Zeit
Und weinten in der Dunkelheit.





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